Die Geschichte der Literatur im heutigen Rheinland-Pfalz aus der Zeit des Dritten Reiches und der Nachkriegszeit ist noch nicht geschrieben. sagt Sigfrid Gauch in seinem Eröffnungsvortrag zur Ausstellung im Landesbibliothekszentrum Koblenz. Und fühlt den Anfängen der Literatur im Lande auf den Zahn. Gab es sie, die Stunde null der Literaten? Gab es sie wirklich, die sogenannte Kahlschlagsliteratur?
Sie alle kennen den Gedichtanfang „Dies ist meine Mütze, / dies ist mein Mantel, / hier mein Rasierzeug im Beutel aus Leinen.“ „Inventur“ heißt das Gedicht, es stammt von Günter Eich und steht exemplarisch für den literarischen Neuanfang nach der Nazizeit, für die „Kahlschlagliteratur“. Es entstand in einem Kriegsgefangenenlager, mit einer Reihe anderer Gedichte, auch einem, das „Camp 16“ heißt und so beginnt: „Durch den Stacheldraht schau ich / grad auf das Fließen des Rheins. / Ein Erdloch daneben bau ich, ein Zelt hab ich keins.“ Der Dichter spricht davon, dass er weder Decke noch Mantel habe und keinen Kameraden in seinem Erdloch. Zur Lagerstatt rupft er sich Luzerne, die aber auch bald verdorrt sein wird, der Himmel wird sich finster beziehen und „im Fließen des Rheins wird kein Wort sein, / das mir süß einschläfert das Lid.“ Das Augenlid ist gemeint. Eine sprachlose Situation, eine Situation ohne Worte, eine Situation ohne Ansprechpartner, ohne Echo. Das Ende vom Ende. Verstanden wurde es aber als der Anfang eines ganz neuen Anfangs. Viele von Ihnen wissen, wo diese Gedichte entstanden, denn eines davon heißt „Sinziger Nacht“. Dort, auf den Feldern und Rheinwiesen zwischen Remagen und Niederbreisig, lagen im Frühjahr 1945 mehr als 250.000 deutsche Kriegsgefangene, zusammengepfercht in Wind und Wetter, auf den Feldern in Erdlöchern und nur teilweise unter Zeltplanen. Günter Eich befand sich unter den Gefangenen, ein Überlebender. Mit diesen Versen von Günter Eich sei die deutsche Literatur aus den Ruinen des Dritten Reiches wiederauferstanden, habe noch einmal von vorn angefangen, sagen die Schullesebücher, die Literaturgeschichten. Neubeginn in einem Erdloch in Rheinland-Pfalz. Wolfgang Weyrauch prägte in seiner 1949 erschienenen Anthologie „Tausend Gramm“ den Begriff ‚Kahlschlagliteratur’, Eichs Gedicht „Inventur“ sei dafür exemplarisch, denn dem neuen Anfang der Prosa in unserm Land seien allein die Methode und die Intention des Pioniers angemessen, nämlich die Methode der Bestandsaufnahme und die Intention der Wahrheit. Wo der Anfang der Existenz sei, sei auch der Anfang der Literatur. Tatsächlich, exemplarisch ist die Situation! Bestandsaufnahme und Wahrheit, ein neuer Anfang wurden postuliert. Aber niemand sprach damals und auch nicht in den kommenden Jahren davon, dass die deutsche Literatur der Nachkriegszeit, dass Günter Eich keineswegs bei Null begonnen hatten. Er war weder ein Emigrant noch ein unbescholtener Schriftsteller, sondern ein Mann mit Vergangenheit. So wie er seine naturmagischen frühen Gedichte in späterer Zeit verleugnete, so verleugnete er auch seine rastlose, jahrelange Tätigkeit für den nationalsozialistischen Rundfunk, wie es Iris Radisch anlässlich seines 100. Geburtstages in der ZEIT formulierte. Nein, es gab keine „Stunde null“ und es gab keinen „Kahlschlag“, weder in der Gruppe 47 noch in der Literaturszene von Rheinland-Pfalz. Über die Gruppe 47 titelte kürzlich die „tageszeitung“: „Die legendäre Schrifstellervereinigung mit dem Ruf einer moralischen Instanz hatte von 1947 an ein Naziproblem – es wurde nie eingestanden.“ Das war vor dem Erscheinen von Günter Grass’ „Beim Häuten der Zwiebel“ und bezog sich auf Veröffentlichungen, die fragten: „Wie zum Beispiel ist man mit den jüdischen Emigranten umgegangen? Warum diese notorische Haltung der Missachtung gegen Juden und Judentum und die kaltschnäuzigen Ausdrucksformen dieser Haltung? […] Warum wurde die Mitgliedsfrage ‚Uns zugehörig?’ mit besonderer Sorgfalt gegenüber Juden gestellt, die sich bewusst als Juden der Gruppe genähert haben, und warum wurde sie z. B. gegen Hermann Kesten oder Paul Celan so verklemmt und niederträchtig ins Feld geführt? […] Warum haben alle Sprecher der Gruppe 47 jeglichen Anteil an einem deutschen Antisemitismus nach 1945, und sei es den Anteil einer Verantwortung für seine ‚Aufarbeitung’, reflexartig von sich gewiesen, während aus den Gruppensitzungen jegliche andere als die ‚authentisch’ eigene Kriegs-Erinnerung ausgegrenzt blieb?“ Will sagen: Was literarisch im Nachkriegsdeutschland zählte, war die Literatur, die von den Kriegsheimkehrern geschrieben wurde, und dies war die Stunde Null der deutschen Literatur. Missverstehen Sie mich nicht: Ich versuche alles andere als eine Aufrechnung oder eine Abrechnung. Wolfgang Weyrauch traf ich noch in den siebziger Jahren in Mainz im Südwestfunk, er trug einen dunklen Anzug, Polohemd und Turnschuhe, für die damalige Zeit ein gewagtes Outfit; für den Rundfunk sprach er seine eigenen schönen Gedichte ins Mikrophon. 1968 schickte er mir ein Briefchen: „Ihre Gedichte gefallen mir so gut, dass ich mehr von Ihnen lesen möchte.“ Ich habe also überhaupt keinen Grund, mich zu beschweren. Aber stimmte es denn, was er über die Kahlschlagliteratur gesagt hat, dass ihre Intention die Wahrheit sei? Wir jungen Leute damals, Mitte der 60-er Jahre noch Gymnasiasten, ließen uns nachhaltig für die zeitgenössische Literatur positionieren. Bertolt Brecht und Peter Weiss waren meine Götter, Günter Grass, Martin Walser, Heinrich Böll oder Arno Schmidt meine Halbgötter. Wir kamen gar nicht auf die Idee, von den Schriftstellern als Kriegsheimkehrern etwas einzufordern, was in Deutschland niemand einforderte. Wir spürten nicht, dass sie unsere Götter, die ins Exil gegangen waren, als Vaterlandsverräter empfanden, weil wir uns unsere Bestandsaufnahme, unsere Wahrheit scheibchenweise holten: Von der Gruppe 47 holten wir uns die literarischen Modelle für unser eigenes Schreiben. Und von den Exilautoren bekamen wir die Erfahrungen vermittelt, dass es im Exil ein besseres Deutschland gab, dessen antifaschistischer Geist die Nazizeit überlebt hatte und uns damit das so dringend notwendige Gerüst für den Aufbau einer eigenen Welt-Anschauung gab, denn die Ethik und die Moral, die unsere Eltern prägte, waren für uns unannehmbar. Dennoch: 1984 schreibt die in Trier geborene Schriftstellerin Gerty Spies, dass sie als Jüdin, die das Konzentrationslager Theresienstadt überlebt hat, häufiger bei Lesungen die Frage gestellt bekommt, warum sie denn nach dem Krieg in Deutschland geblieben sei. Sie fragte zurück: „Ob auch verfolgte christliche Geistliche, Sozialisten und andere tapfere Streiter von Lesern und Zuhörern gefragt werden, warum sie nach dem Krieg noch hiergeblieben sind? Ob diese Frage vielleicht nur für Juden gilt?“ Gerty Spies, nach der die Landeszentrale für politische Bildung den „Gerty-Spies-Preis für Literatur“ benannt hat, wurde 1897 in Trier geboren, seit Jahrhunderten lebten ihre Vorfahren in Trier und der Südpfalz. Ihren autobiografischen Roman „Bittere Jugend“ über das Leben und Überleben im München der Kriegzeit für sie und ihre „halbarische“ Tochter, über Leid und Verfolgung und die Deportation in die Konzentrationslager, wollte in den fünfziger Jahren kein Verlag drucken mit der Begründung, so schlimm sei es damals doch nicht gewesen. Erst 1997 konnte ich sein Erscheinen möglich machen und das erste druckfrische Exemplar der Hundertjährigen im Jüdischen Seniorenheim in München in die Hände legen. Ich habe der Gruppe 47 nichts vorzuwerfen und werfe ihr auch nichts vor. Sie prägte unser Bild von der Literatur zusammen mit der „Zeit“ und mit dem „Spiegel“, als wir prägsam waren und lesehungrig. Und ich war stolz, als 1979 Hans Werner Richter, der Gründervater der Gruppe 47, nach einer gemeinsamen Veranstaltung auf der Buchmesse anlässlich des Erscheinens meines Buches „Vaterspuren“ zu mir sagte: „Wenn es die Gruppe 47 noch gäbe, würde ich Sie zur nächsten Sitzung einladen, um Sie vorlesen zu lassen.“ Und ich weiß von engen Freunden von Günter Grass, dass er seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS immer wieder einmal im kleinsten Kreis thematisiert hatte, vor Jahren schon.
Exponate: Nachkriegsveröffentlichungen rheinland-pfälzischer Autoren
Jakob Kneip: Der Apostel, München 1955 / Stefan Andres: Der Granatapfel, München 1950 / Maria Mathi: Wenn nur der Sperber nicht kommt, 1956 /
Titelseite von Atares, Nr. 1 vom Oktober 1952. Die in Mainz publizierte Literaturzeitschrift widmete sich vor allem der deutsch-französischen Verständigung
Alle Exponate sind zu sehen in der Sonderausstellung des Landesbibliothekszentrums Koblenz