Jetzt wird Deutschland aufgemöbelt! Auch, wenn die Einrichtungs-Industrie noch kriegsbedingt am Boden liegt - aufs Improvisieren versteht man sich, wie überall, auch hier. Gilt es doch, den Bedarf im Land zu decken. Die Lage ist ernst. Zahllose Häuser und Wohnungen sind zerstört und mit Dach überm Kopf kann man sich glücklich schätzen. Wohnraum ist knapp. So wirkt die Auswahl an schweren Polstermöbeln und wuchtigen Wohnküchenschränken im barocken Stil der 30er auf der ersten Nachkriegs-Möbelmesse reichlich deplaziert. Der Wohnungsmarkt im Land ruft nach variablen Lösungen. Leicht und platzsparend sollen die neuen Möbel sein. In der Anschaffung günstig dazu. Praktische Schrankbetten und Sitzmöbel für beengte Wohnbehältnisse. D a s war gefragt. So brütet die Industrie, unterstützt vom Deutschen Werkbund, über einer neue, funktionale Generation von Möbelstücken.
Was grundlegend Neues soll her! Gestalters Geschmack kommen da die innovativen, organischen Formen aus den Vereinigten Staaten gerade recht. Das neue Design stößt auch beim Käufer auf ungetrübte Gegenliebe: Die neue Linie ist bunt und optimistisch. Die Möbel zum Aufbruch im Land.
Neue Materialien - biegsames Sperrholz, Metallgussformungen und Kunststoffe - ermöglichen eine geschmeidige Formgebung. Pastelllfarbenes und Filigranes gibt dem deutschen Wohnzimmer eine nie gekannte Leichtigkeit: Selbst der Couchtisch, seit jeher im Zentrum deutscher Gemütlichkeit, ist kaum wiederzuerkennen: Nierenförmig soll er sein, denn nierenförmig ist schick.
Modernes Wohnen in den 1950er Jahren
Exponate aus den Ausstellungen des Mittelrhein-Museums Koblenz und des Historischen Museums der Pfalz, Speyer.
Neue Möbel, Schutzumschlag des von Gerd Hatje herausgegebenen Standardwerkes (1953), Privatbesitz
Fotos: Mario Kramp (1) und Rüdiger Müller